Über Gefühlsmut, Toxic Positivity und einen konstruktiven Umgang mit Krisen

UND?

hast du dich heute schon selbst optimiert und lächelnd vor dem spiegel deine positiven affirmationen aufgesagt?

im lotussitz tief durchgeatmet und an deinem mindset gearbeitet? noch ein kleiner eintrag ins dankbarkeitstagbuch und zack kann es nur noch ein guter tag werden, oder?

ich weiss nicht wie es dir geht, aber wenn ich grad mal in der scheisse sitze oder schmerz fühle, trauer, wut, schlechte laune dann lässt sich das nicht einfach so wegatmen, überschminken oder mit einem schwamm wegwischen dann will das gefühlt werden.

wenn das aber nicht erlaubt ist, wenn du dich in einer welt bewegst, in der sogenannte negative emotionen keinen platz haben, in der das prinzip der good vibes only gilt, dann befinden wir uns in der welt der TOXISCHEN POSITIVITÄT.

hier gilt dogma der zuversicht, die diktaur des optimismus, hier sind nur sogenannte positive emotionen erlaubt. Egal, wie sehr Du grad vom Leben auf die Fresse gekriegt hast: Steh auf, lächle und atme es weg.

Negative Emotionen?

Sind nicht ALLE unsere Emotionen gleichwichtig und gleichberechtigt? Sind sie uns nicht Wegweiser, Leitplanken, Lotsen im Ungamg mit uns selbst und anderen?

Fehlt uns ein Teil unserer Emotionen, weil wir sie verdrängen oder andere sie uns absprechen wollen, dann fehlt uns orientierung im umgang mit uns selbst und auch mit anderen menschen.

gefühle zu unterdrücken, zu negieren ist ein kraftakt, den du nicht gewinnen kannst. der versuch, sie in den keller zu sperren, führt dazu, dass sie mit aller macht zurückkehren. Sie suchen sich ihren weg.

im zweifel durch körperliche oder psychische erkrankung. ob depression, burn out, bandscheibenvorfall:  nicht immer, aber oft eine konsequenz, dass du deine gefühle und bedürfnisse unterdrückt hast.

wenn laut kalenderspruch nummer 237 glück eine entscheidung ist und ich meines eigenen glückes schmiedin – dann kann ich doch nur selbst schuld sein an meinem „Unglück“? Bin ich das Problem? Verantwortlich für meine Krise, meine Not, vielleicht auch für meine Kündigung, oder gar für meine schwere körperlich Erkrankung?

Kopf hoch, Du schaffst das schon, du musst einfach ein bisschen positiver denken, nach vorne schauen, jede krise ist eine chance und überhaupt, jede hat doch ihr Päckchen zu tragen und überhaupt, ich VERSPRECHE DIR. ALLES WIRD GUT.

DAS macht traurig, einsam, hilflos , verzweifelt und eines: schweigsam. viele menschen in krisen gehen zum schweigen über, weil sie sich nicht gesehen oder gehört fühlen. ja, sogar noch stigmatisiert, beschuldigt,  belächelt, diskriminiert, fallenlässt und vieles mehr.

jeder zweite erwachsene in deutschland erkrankt im laufe ihres seines lebens an einer psychischen Erkrankung. und ehrlich, mich wundert das nicht.

In welcher Welt möchtest Du leben?

Soll unsere emotionale Amplitude jeden Tag auf Dauergrinsen stehen? Wollen wir Menschen für ihre Not, ihren Schicksalsschlag, ihre Krankheiten selbst verantwortlich machen? weil Scheitern keine Entschuldigung ist und jede nur das bekommt, was sie verdient?

Lasst uns mal NICHT die BESTE Version unserer Selbst sein, lass ma die echteste Version unserer Selbst sein.

Lass mal gefühlsmutig sein. Mit aller Vielfalt, Höhenflügen und tiefen Tälern, die das Leben zu bieten hat.

Lasst uns mal solidarisch sein mit den eigenen und den Gefühlen anderer, solidarisch in der Freude und im Glück, und genauso solidarisch im Schmerz, in der Trauer und der Angst. Lass mal aufhören, ungefragt Ratschläge zu geben. Nicht für alles gibt es eine LÖSUNG. Stattdessen lass uns mal fragen: Kann ich etwas für Dich tun? WIE kann ichDir helfen?

Niemand hat eine psychische Erkrankung oder eine schwere körperliche Erkrankung VERDIENT.

Manchmal ist das Schicksal einfach nur ein mieser Verräter und dann brauchen wir alle Menschen, die einfach nur da sind, mit einer Umarmung, einem Ohr, einem Topf mit Erbsensuppe oder manchmal auch einfach nur mit solidarischem schweigen.

Ich wünsche einen bewegten Tag.